Samstag, 31. Mai 2014

Karlheinz Böhm ist in Grödig bei Salzburg gestorben


Berühmt wurde er durch "Sissi"

Von Wolfram Goertz

In gewissen Situationen wird auch die robusteste Republik von der Sehnsucht nach der Monarchie gekitzelt. Diese Sehnsucht tritt anfallsartig auf und wird als nostalgischer Irrläufer selbstverständlich ignoriert oder bekämpft. Aber da der moderne Staat ein kühles System ohne wärmende Grandezza ist, gibt's halt immer zahllose Leute, denen die Kulisse so wichtig ist wie die Botschaft - und die bei Silvia, Máxima, Madeleine und all den anderen stundenlang mit Fähnchen auf der Straße stehen oder mit der Nase vor dem Fernseher hängen.

Am liebsten würfen sie sich natürlich ihm in den Arm oder gleich um den Hals, wenn nicht die Mattscheibe dazwischen wäre - ihm, dem feschesten aller Monarchen, jenem Bild von einem Mann, der Ritterlichkeit mit Zucht vereinte, schwärmerisches Gemüt mit Familiensinn, Innigkeit mit Souveränität: Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, dargestellt durch den beliebten Schauspieler Karlheinz Böhm. Der gab als 27-Jähriger im Jahr 1955 in der "Sissi"-Trilogie an der Seite von Romy Schneider das Debüt seines Lebens, eine Rolle, die ihm in jeder Hinsicht eine unendliche Contenance abverlangte. Von nun an war er auf das Charakterbild des edlen, von mütter- und ehefräulichen Grillen umlichterten, aber gutmütigen Kaisers sklavisch festgelegt; sogar auf der Straße sprachen ihn die Leute wie einen Blaublütigen an, der vom Himmel geschickt war. Zudem verhinderte die fraglos einträchtige Rolle eine Öffnung für neue Partien in anderen Sujets: Böhm und der schmucke junge Kaiser gehörten so untrennbar zusammen wie Puderzucker und Kaiserschmarrn.

Aber die Rolle des Kaisers war für den 1928 in Darmstadt geborenen Künstler sicher der entscheidende Entwicklungsschub in einer Karriere, die eigentlich ganz anders hätte verlaufen sollen. Der Sohn des berühmten Dirigenten Karl Böhm und der nicht ganz so berühmten Sopranistin Thea Linhard wollte Pianist werden; das Talent schien aber weniger ausgeprägt als die Neigung, weswegen er nach dem Vorspiel im Konservatorium mit dem Satz "Für den Sohn vom Böhm ist es ein bisschen dürftig" nach Haus geschickt wurde. Abermals schaltete sich der dominante Vater ein, auch privat eine Meckerziege, und schickte den Jungen auf die Universität. Der nabelte sich von der geisteswissenschaftlichen Laufbahn ab, indem er sich für Schauspielunterricht bei Helmut Krauss in Wien anmeldete.

Böhm hat da viel gelernt, und wer jemals den grandiosen Film "Peeping Tom" von Michael Powell gesehen hat, der ahnt, welch wilde Volten der große Schauspieler Böhm zu schlagen vermochte. Der Film über sexuelle Verirrungen kam damals, 1960, beim irritierten Publikum nicht an, er fiel glatt durch; der makellose Traumprinz sollte nicht durch die Darstellung von Obsessionen beschmutzt werden. Auch ein Deal mit Hollywood brachte Böhm keinerlei Erfolg. Nur langsam fand er aus dem Tal heraus - und als wollte er es sich und seinem Publikum beweisen, ließ er sich mit der Kraft des zweiten Muts auf ein nicht minder verwegenes Projekt ein: die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Der formte mit Böhm mehrere beklemmende Menschenstudien, so im Thriller "Martha", in dem er einen Ehetyrannen mit sadistischen Neigungen spielt.



Schauspieler Karlheinz Böhm ist tot FOTO: dpa, tha kde vbm sja
 Böhms hervorstechendste Eigenart war die Zähigkeit, seine Leidenschaften intuitiv und zugleich systematisch zu verfolgen. So kam es zu einem unglaublichen Lebensumschwung und zu jener legendären Sequenz bei "Wetten, dass . . ?", in welcher er die Zuschauer offen aufforderte, für hungernde Menschen in der Sahelzone zu spenden; seinen Wetteinsatz machte er wahr, aber radikaler als geplant, er ging nach Äthiopien und gründete die Hilfsorganisation "Menschen für Menschen". Das war auf dem Pfad dieses menschlichen Künstlers nur konsequent: Der Gutmensch im Ornat des Kaisers Franz Joseph wurde nun endgültig zum guten Menschen ohne Dekor, der über Menschen, deren Elend er gesehen hatte, die Hand hielt.

Jetzt ist Karlheinz Böhm im Alter von 86 Jahren in Salzburg gestorben, auf den Tag genau 32 Jahre nach Romy Schneider. Sissi! Franz! Beide werden wir in diesen Tagen bräutlich und kaiserlich vereint im Fernsehen sehen. Und für einige Stunden wird die Sehnsucht nach der Monarchie in unser Gemüt zurückkehren.

Quelle: RP

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